„In der Hospizarbeit löst die Pandemie keine Hilflosigkeit aus“

Ilka Jope vom Thüringer Hospiz- und Palliativverband: Hospizliche Begleitung und Fürsorge, Palliative Pflege und ärztliche Behandlung sind für die Bürgerinnen und Bürger auch jetzt da

Erfurt, 14. April 2020. Das Coronavirus, das seit Wochen das Leben der Menschen dominiert, wirkt sich auch auf die Hospizarbeit in Thüringen aus. Was bedeutet es, dass die Ambulanten Hospizdienste und die stationären Hospize den Regeln des Infektionsschutzgesetzes unterliegen und sich an das Kontaktverbot halten müs­sen? Ein Gespräch mit Ilka Jope, Geschäftsführerin des THPV.

Frau Jope, beeinträchtigt die Pandemie die Arbeit von stationären Hospizen und Ambulanten Diensten?
Ilka Jope: Im Grunde genommen nicht. Hospizliche Begleitung und Fürsorge, Pallia­tive Pflege und ärztliche Be­handlung sind auch während der Pandemie für die Men­schen da. Die Institutionen und ihre Angebote und Hilfen, die man auch auf unserer Webseite findet, stehen den Bür­gern wie sonst zur Verfügung. Allerdings unter ver­änderten Bedingungen, nämlich der aktuellen Thüringer Verordnung zur Covid-19-Pandemie.


Was bedeutet das konkret?
Begleitung und Beratung durch die ambulanten Hospizdienste sind weiter möglich, allerdings vor allem telefonisch, ohne persönlichen Kontakt. Die Ehrenamtlichen Hospizbegleiter halten sich an das Besuchsverbot und gehen zurzeit nicht mehr in die Familien oder in die Pflegeeinrichtungen. Trauerbegleitung für Erwachsene und für Kinder können derzeit nur am Telefon stattfinden. Stationäre Hospize arbeiten wie gewohnt, lediglich die Besuchsmöglichkeiten sind verändert und sollten vor ge­planten Besuchen in dem betreffenden Hospiz telefonisch erfragt werden.

Lebt die ehrenamtliche Begleitung sterbender Menschen nicht gerade von der persönlichen Begegnung, der Nähe?
Natürlich! Das, was Menschen in Zeiten von Bedrohung und Not Zuversicht gibt, wird plötzlich zur Gefahr: körperliche Nähe, Gemeinschaft, einander festhalten. Nähe durch Abstand, dieses Kuriosum gilt es zu verstehen. Jemanden nicht zu besu­chen, ist im Moment ein Akt von Nächstenliebe. Und damit werden letztlich auch Pflegende und Ärzte unterstützt. Wir sehen, dass die Menschen sich davon aber nicht entmutigen lassen, sondern dass sie einfallsreich werden, um trotzdem im Kontakt bleiben zu können.

Haben Sie Beispiele?
Ehrenamtliche entdecken das Schreiben wieder, also das echte Schreiben von Kar­ten und Briefen. Am Telefon lässt sich nicht nur reden und zuhören, sondern auch vorlesen. Die Menschen nutzen Angebote wie Skype oder Messengerdienste für persönliche Gespräche oder für das Übersenden von Audio- und Videobotschaften. Sie verschicken Pakete mit kleinen Präsenten oder erledigen Einkäufe. Es gibt viele Wege, auf denen sich ausdrücken lässt: Ich bin trotzdem für Dich da.

Wie sieht es in den Hospizdiensten aus?
Auch wenn Veranstaltungen verschoben worden sind, so geht doch der tägliche Be­trieb weiter. Die Gespräche mit Angehörigen, mit den ehrenamtlich Tätigen oder mit Netzwerkpartnern laufen hauptsächlich telefonisch. Manche Koordinatorinnen nutzen die Zeit, um die Qualifizierungskurse für Ehrenamtliche methodisch zu über­arbeiten oder um einiges von dem, was irgendwie immer liegenbleibt, abzu­arbeiten. Wirklich ruhiger, so mein Eindruck, ist es nicht geworden.

Gibt es in den stationären Hospizen Ausnahmen vom Kontaktverbot?
In Situationen des Sterbens und des Abschieds muss es Ausnahmen geben. Es gilt, sich an die Regeln zu halten und trotzdem Besuche durch Angehörige und auch würdige Abschiede zu gestalten. In der aktuell gültigen Thüringer Verordnung ist das bedacht worden. Ausnahmen in Hospizen sind unter Einhaltung der Hygiene­schutzmaßnahmen möglich. Da es in allen stationären Hospizen ausschließlich Einzelzimmer gibt, ist das gut umsetzbar. Bisher gemeinsam genutzte Räume wie Wohnzimmer oder Küchen stehen für Gäste und Besucher derzeit nicht zur Ver­fü­gung. Auf Seiten der Leitungen der Hospize nehme ich viel Ruhe und Gelassenheit im Umgang mit den Kontakteinschränkungen wahr.

Eine Folge der Beschäftigung mit dem Sterben?
Für die Hospizarbeit hat die Pandemie keinen solchen Schrecken, sie löst keine Hilflosigkeit aus. Die Akteure respektieren die Regeln und entscheiden sich souve­rän und kreativ für neue Wege. Im Mittelpunkt steht für den Menschen mit hospiz­licher Haltung nach wie vor das einzelne Schicksal und die Bedürftigkeit des Nächsten.

Was ließe sich davon lernen?
Vielleicht kann die Gesellschaft in diesen Tagen von der Hospizbewegung lernen, dass es für ein gutes Leben und ein sinnvolles Tun bedeutsam ist, die eigene End­lichkeit zu bedenken. Sterben und Trauer haben ihren Platz mitten in unserem Leben: So formuliert der Verband es, und die aktuelle Krise macht das vielleicht ein bisschen deutlicher.



Der THPV

ist der Dachverband für die Hospiz- und Palliativarbeit in Thüringen. Er hat derzeit 49 Mitglieder, darunter alle ambulanten Hospizdienste, alle stationären Hospize für Erwachsene, mehrere Pallia­tivstationen und Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams. Zu den Aufgaben des Verbandes zählt es unter anderem, Hospizbewegung und Palliativversorgung in ganz Thüringen bekannt zu machen, das Netzwerk der zahlreichen Hilfsangebote auszubauen und die Interessen der Mitglieder auf Landes- und Bundesebene zu vertreten. Die Akademie des THPV qualifiziert die ehren- und hauptamtlichen Mitar­beiter, die in der Hospiz- und Palliativ­versorgung tätig sind.


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