„Erkennen wir den Wert von ehrenamtlicher Sterbebegleitung und von Trauerarbeit ohne Wenn und Aber an“

Stellungnahme aus dem Vorstand des Thüringer Hospiz- und Palliativverbands von Dr. Friederike Spengler, Regionalbischöfin in Thüringen, zur Hospizarbeit in schwie­rigen Pandemie-Zeiten

„Wir haben wohl alle, ich auch, gehofft, dieses Weihnachten wieder unbeschwert feiern zu können: in großer Runde, mit Jung und Alt. War es blauäugig, zu denken, dass über die Sommermonate gute Vorbereitungen getroffen werden? Zu hoffen, die Pandemie möge sich Stück um Stück ausschleichen? … Was für ein Irrtum!

Inzwischen sind wir mittendrin in der sogenannten vierten Welle. Eine harmlose Beschreibung für das, was gerade geschieht – vor allem in Krankenhäusern, aber auch in Alten- und Pflegeheimen, in Arztpraxen. Und in der Hospizarbeit.

Die Hospiz- und Palliativarbeit ist Netzwerk und Engagement im Sinne von Unter­stützung und Fürsorge für Menschen in besonderen Situationen und Lebenszeiten: Kranke, Sterbende, besonders oft für ältere Menschen.

Wie war das für sie im vergangenen Jahr, als Einrichtungen geschlossen und Ange­bote abgesagt wurden? Als über Monate hin der Zugang unmöglich oder nur sehr schwer möglich war und letzte Abschiede nicht stattfinden durften? Als Schwestern und Pfleger auch noch die Rolle und Aufgabe von Angehörigen übernehmen muss­ten? Für alle Beteiligten eine Unzumutbarkeit.

Hat unsere Gesellschaft aus der Zeit der Pandemie etwas gelernt für den Umgang mit den Verletzlichen unter uns? Ich fürchte: viel zu wenig. Schon wieder schließen sich Türen, können Begleitungen nicht stattfinden, werden so dringend notwendige Beziehungen gekappt.

Engagement, das ins Leere läuft

Hospizliches Engagement ist ehrenamtliches Engagement! Die Idee des Hospizes ist eine Bürgerbewegung. Lange bevor verschiedene Träger Hospiz-Aufgaben koor­diniert angeboten haben, waren es Einzelne, die die Themen Krankheit, Sterben, Tod und Trauer in die Mitte der Gesellschaft geholt haben. Und dazu die Men­schen: Kranke, Sterbende, Trauernde.

In Thüringen sind mehr als 1.400 Menschen ehrenamtlich im hospizlichen Umfeld unterwegs. Nun ist aus den Ambulanten Hospizdiensten (AHD) in Thüringen viel­stimmig zu hören, dass sich Ehrenamtliche ausgebremst fühlen, sich „ausgeliefert fühlen gegenüber einer starren Zeit“, wie es eine Koordinatorin formuliert.

Da beginnen Qualifizierungskurse mit fünfzehn engagierten Menschen und wenn diese ihre Ausbildung beenden, sind sie noch zu fünft. Und sie fragen sich: Wann werde ich eingesetzt und kann meine Erfahrungen machen? Sie erleben – wie viele andere ehrenamtlich engagierte Menschen in Deutschland auch – dass sie nicht zum Zuge kommen. Dass sie etwas bewegen wollen – aber nicht können. Ein fatales Signal! Und so beobachten wir, wie sich sogar über lange Zeit aktive Ehrenamtliche abwenden von der Hospizarbeit.

Hospizarbeit ist Beziehungsarbeit! Und wo keine Beziehung aufgebaut werden kann, endet das Engagement. Weil keine Resonanz erfahren wird. Weil Unverbind­lichkeit zunimmt und Begleitungen immer wieder unterbrochen werden. Gerade erst gewonnene, junge Ehrenamtliche sind frustriert, weil ihr Elan ins Leere läuft. Was für ein Schaden für die Hospizarbeit! Und viel mehr: Was für ein immenser Schaden für das Ehrenamt als tragende Säule unserer Gesellschaft!

Trauerangebote werden nicht verlässlich gefördert

Und eine weitere Entwicklung verdient unsere Aufmerksamkeit und Wachsamkeit. Während der Pandemie war – und ist es teilweise schon wieder! – oft unmöglich, von sterbenden Menschen Abschied zu nehmen. Wer nicht be-greifen kann, wer nicht sieht, fühlt und spürt, dass ein Zugehöriger gestorben ist, begreift diesen Um­stand erst über Umwege. Das erschwert Trauerprozesse immens und macht Hinter­bliebene anfällig für das, was Fachleute anhaltende Trauerstörung nennen. Oder auch: die Pandemie der Trauer.

Nun könnte man meinen, wir hätten gelernt, wie nötig es gerade unter Pandemie-Bedingungen ist, das Augenmerk auf Menschen in Trauer zur richten und diese zu unterstützen. Weit gefehlt! Trotz des immensen Anstiegs von Bedarfen gibt es im reichen, medizintechnisch hochgerüsteten Deutschland eher einen Termin für den Einsatz eines neuen Hüftgelenks als einen bei einer Psychotherapeutin oder einem Psychotherapeuten. Deren Wartelisten sind viel zu lang, und so wenden sich Betroffene gern und hoffnungsvoll an den Ambulanten Hospizdienst.

Diese organisieren seit Jahren Einzeltrauerbegleitungen, Trauergruppen und Trau­ercafés. Dort kommen Hinterbliebene zusammen, tauschen sich aus, werden eh­renamtlich begleitet. Jeder weiß: Sterben und Trauer sind aufs Engste miteinander verwoben. Völlig klar also, dass diese Angebote genuiner Teil von Hospizarbeit sind – und in der andauernden Pandemie zudem so nachgefragt wie nie zuvor. Dafür stellen Ehrenamtlichen ihr Wissen, ihre Begabung und die erlernten Fähigkeiten zur Verfügung und manch eine der Koordinator:innen unterstützt dieses Engagement in ihrer Freizeit …

Diese Entwicklung allein ist schon problematisch, denn massive gesellschaftliche Pandemie-Folgen dürfen nicht auf das besondere und freiwillige Tun Einzelner ab­gewälzt werden. Was die Situation aber noch viel grundsätzlicher verschärft: In der Bundesrahmenvereinbarung zur ambulanten Hospizarbeit nach § 39a SGBV ist die Förderung der Trauerarbeit nicht enthalten!

Die 2016 in Kraft getretene Vereinbarung dient den Kostenträgern mitten in der Pandemie mit ihren unabsehbaren Folgen für den Umgang mit Trauer als Begrün­dung dafür, Trauerarbeit von der Förderung der Hospizarbeit zu trennen. Als THPV befürchten wir angesichts des wachsenden Verteilungskampfes um finanzielle Mit­tel, dass die Trauerarbeit der AHD damit minimiert wird, möglicherweise ganz untergehen könnte.

Hospizarbeit erlebt das Leid sehr unmittelbar

Die Pandemie offenbart, wieder einmal, bekannte systemische Mängel: ob, wie oben beschrieben, in den Ambulanten Diensten, ob auf den Palliativstationen, ob in den SAPV-Teams. Das Hospiz-Netzwerk ist zurzeit an vielen Stellen ge­schwächt. Darauf möchten wir als Thüringer Hospiz- und Palliativverband dringend hinweisen.

Und wir wollen erstens an die Träger von Krankenhäusern, Pflegeeinrichtungen, Altenheimen appellieren: Tun Sie alles dafür, dass die wertvolle ehrenamtliche Begleitung kranker und sterbender Menschen gerade in diesen Zeiten gewähr­leistet bleibt. Jeder Mensch in Thüringen soll wissen: Ich bin nicht alleine in meinem Sterben. Das gilt mehr als je zuvor. Und jeder, der sich ehrenamtlich engagiert, soll wissen: Mein Einsatz ist will­kommen. Ohne Wenn und Aber.

Zweitens fordern wir von der neuen Bundesregierung anzuerkennen, dass Trauer­arbeit Gesellschaftsarbeit ist! Trauerarbeit hilft, unübersehbarer, tiefgreifender und langanhaltender Belastung vorzubeugen.

Diese Belastung kann Betroffene krank machen, kann sie über lange Zeit von sozi­aler und gesellschaftlicher Teilhabe trennen und in prekäre Arbeitsverhältnisse füh­ren. Sie kann Behandlungen erforderlich machen, die finanziell um ein Vielfaches aufwändiger sind als eine angemessene Trauerbegleitung zur rechten Zeit. Die Am­bulante Hospizarbeit stellt diese Begleitung sicher. Trauerarbeit muss deshalb als elementarer Teil von Hospizarbeit anerkannt, verankert und verlässlich gefördert werden!

Und drittens wenden wir uns an diejenigen, die einer Impfung und regelmäßigem Testen aus prinzipiellen Gründen nach wie vor kritisch gegenüberstehen. Über­denken Sie Ihre Entscheidung. Wir Hospizler:innen sehen täglich die direkten Aus­wirkungen auf Menschen, die andere so vielleicht nicht vor Augen haben. Hospiz­arbeit spürt in besonderem Maße die Auswirkungen der anhaltenden Pandemie. Und sie erlebt unmittelbar das Leid, das mit jedem weiteren Monat einher geht.“


Der THPV

ist der Dachverband für die Hospiz- und Palliativarbeit in Thüringen. Er hat derzeit 54 Mit­glieder, darunter alle ambulanten Hospizdienste, stationäre Hospize für Erwach­sene, mehrere Pallia­tivstationen und Spezialisierte Ambulante Palliative Versorgungsteams. Zu den Aufgaben des Verbandes zählt es unter anderem, Hospizbewegung und Palliativ­versorgung in ganz Thüringen bekannt zu machen, das Netzwerk der zahlreichen Hilfsan­gebote auszubauen und die Interessen der Mitglieder auf Landes- und Bundesebene zu ver­treten. Die Akademie des THPV qualifiziert die ehren- und hauptamtlichen Mitar­beiter, die in der Hospiz- und Palliativ­versorgung tätig sind.

Ansprechpartnerin

Solveig Schwabe

Geschäftsführerin

0361 . 64 43 02 99

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