DHPV zum Koalitionsvertrag: Wo bleibt die Sorge um die Schwerstkranken und Sterbenden?

Mit dem jetzt vorliegenden Koalitionsvertrag versprechen die Regierungsparteien Fortschritt, Freiheit und Gerechtigkeit. Und vergessen dabei die hochaltrigen, schwerstkranken und sterbenden Menschen in unserer Gesellschaft.

„Leider finden Hospizarbeit und Palliativversorgung mit keinem Wort Erwähnung im Koalitionsvertrag von SPD, FDP und Grünen. Das lässt zum einen befürchten, dass die Verantwortlichen hier keinen Handlungsbedarf sehen, zum anderen zeigt es leider auch die mangelnde Wertschätzung gegenüber Schwerstkranken und Sterbenden“, so Professor Winfried Hardinghaus, Vorsitzender des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands (DHPV). „Eine Regierung, der auch die Solidarität mit Menschen am Lebensende ein Anliegen ist, hätte – wie von uns wiederholt gefordert – den weiteren Ausbau der Hospizarbeit und Palliativversorgung in den Koalitionsvertrag aufnehmen müssen.“

Zwar gibt es einige Ansätze im Gesundheitsbereich und bei der Pflege, wie die Verbesserung der Arbeitsbedingungen und Löhne sowie die angekündigte Ausgestaltung einer zukunftssicheren, bedarfsgerechten und wohnortnahen gesundheitlichen und pflegerischen Versorgung. „Trotzdem hat der gesellschaftliche Wandel in Bezug auf die demographische Entwicklung, die Versorgung alter und pflegebedürftiger Menschen und die Versorgung am Lebensende offenbar nicht den Stellenwert wie etwa die Digitalisierung oder der Klimawandel“, so Hardinghaus.

Suizidprävention erweitern und sichern

In Anbetracht der allgemein bekannten kritischen Situation der Palliativversorgung in den Pflegeheimen oder auch auf den Allgemeinstationen der Krankenhäuser gibt es aber auch über fünf Jahre nach dem Hospiz- und Palliativgesetz dringenden Handlungsbedarf. Daher fordert der DHPV von der neuen Bundesregierung, dass bei der Umsetzung einzelner Punkte aus dem Koalitionsvertrag die Interessen schwerstkranker und sterbender Menschen und ihrer Angehörigen Berücksichtigung finden.

So kann der assistierte Suizid nicht als normale oder gar idealisierte Lösungsstrategie dargestellt werden, wie es der Koalitionsvertrag nahelegt. Stattdessen bedarf es einer gesamtgesellschaftlichen Anstrengung, um die Suizidprävention zu erweitern und zu sichern. Dies sollte durch ein eigenes umfassendes Suizidpräventionsgesetz ermöglicht werden, das flächendeckend niederschwellige Zugänge zur Information, Beratung und zu therapeutischen Hilfen ermöglicht.

Berührungspunkte gibt es nach Ansicht des DHPV in diesem Zusammenhang auch beim vorgesehenen Nationalen Präventionsplan gegen Einsamkeit und Suizid. Hier ist es nicht ausreichend, die Suizidprävention nur im Rahmen einer allgemeinen Stärkung der Prävention zu verorten. „Bedarfsgerechte und überall zugängliche Angebote hospizlicher Begleitung und palliativer Versorgung sind für eine gelingende Suizidprävention unerlässlich und müssen hier mitgedacht werden“, so Hardinghaus.

Zehn Forderungen des DHPV

Ein weiterer Punkt, bei dem der DHPV dringend die Einbeziehung der hospizlichen und palliativen Interessenvertretungen fordert, ist die zukünftige Gesundheitskommunikation des Bundes, um durch bessere Information über die Möglichkeiten der Hospizarbeit und Palliativversorgung die Rechte und die Selbstbestimmung der Menschen zu stärken. „Trotz aller Bemühungen sind die Angebote der hospizlichen Begleitung und palliativen Versorgung nach wie vor zu wenig bekannt beziehungsweise mit unklaren oder gar falschen Vorstellungen verbunden. Diese Informationsdefizite müssen behoben werden. Hier bedarf es dringend einer Zusammenarbeit von Politik und Gesundheitssystem mit den entsprechenden Interessenvertretungen aus Hospizarbeit und Palliativversorgung“, so Hardinghaus abschließend.

Die zehn Forderungen des Deutschen Hospiz- und Palliativverbands für die 20. Legislaturperiode des Deutschen Bundestages finden Sie in diesem Papier.